Römische Sagen


VII. König Servius Tullius

Der neue König erwies sich als groß im Krieg und als klug, gerecht und edel im Frieden. Er schlug das Volk der Vejenter, das sich feindselig gegen Rom erhob, und hielt als siegreicher Feldherr, jetzt unstreitig Roms König, bejubelt von allem Volk seinen Einzug in die Stadt.

Sein größtes Friedenswerk war die Einführung der Schätzung. Er ließ nämlich sämtliche Bürger Roms nach ihrem Vermögen, ihrem Hab und Gut, einschätzen und sprach danach einem jeden seine Rechte und Pflichten zu. 80000 waffenfähige Bürger wurden in Rom gezählt. Diese teilte der König in fünf Klassen ein. In die erste Klasse gehörten die Vornehmsten und Reichsten; sie mussten die höchsten Steuern zahlen, durften sich im Krieg aber auch mit Helm, Rundschild, Brustharnisch, Beinschienen, Lanze und Schwert, alles aus Erz, ausrüsten.

Die zweite Klasse, schon weniger vermögend, trug keinen Brustharnisch und anstatt des Rundschildes einen Langschild. Die Krieger der dritten Klasse rüsteten sich wie die der zweiten, doch trugen sie keine Beinschienen.
Die vierte Klasse kämpfte mit Lanze und Wurfspieß, die fünfte mit Schleuder und Schleudersteinen.
Alles übrige besitzlose Volk gehörte in die unterste Klasse und hatte kein Recht auf die Ehre, am Kriegsdienst teilzunehmen.

Nach vollendeter Schätzung versammelte der König Bürger, Ritter und Fußvolk auf dem Marsfelde. Dort opferte er als Sühne für das ganze aufgestellte Heer ein Schwein, ein Schaf und einen Stier. Das Opfer beschloss die Schätzung des Volkes und wurde deshalb der Schätzungsschluss genannt. Für eine so große Volksmenge, die sich noch mit jedem Jahre vermehrte, wurde die Stadt bald zu klein; da bezog der König noch zwei Hügel mit ein und übergab sie der Bebauung. Auch um diesen neuen Stadtteil ließ er Wall, Graben und Mauer ziehen, um ihn vor feindlichen Angriffen zu schützen.

So wirkte König Servius Tullius unermüdlich für seines Volkes Wohlfahrt und Roms Größe. Inzwischen waren die beiden Söhne des Tarquinius und der Königin Tanaquil, Lucius und Aruns Tarquinius, zu Männern herangewachsen. Da gab ihnen Servius seine Töchter zu Gemahlinnen, damit sie sich nicht gegen seine Herrschaft auflehnen und nach seiner Krone trachten sollten.
Der sanfte Aruns starb bald nach seiner Vermählung. Sein Bruder Lucius aber war hochfahrend und trug in seinem Herzen schon lange das heiße Begehren nach der Herrscherkrone. Nicht minder stolz und ehrgeizig war seine Frau Tullia; unausgesetzt stachelte sie ihren Mann an, im Volk Unfrieden und Hass gegen den König, ihren Vater, zu säen. Servius habe, wie sie sagte, gar kein Recht, die römische Königskrone zu tragen, weil er der Sohn einer Unfreien, einer Sklavin, sei. Die Herrschaft Roms gebühre keinem anderen als ihrem Gatten Lucius Tarquinius; denn er sei der einzige Sohn und Erbe des großen Königs Lucius Tarquinius Priscus.

So schürte Tullia die Flamme des Aufruhrs im Herzen ihres ehrgeizigen Gatten, und wenn er einmal in seinem hochverräterischen Treiben nachließ, so rief sie aufrüttelnd ihm zu: "Was zauderst du, worauf wartest du noch, Lucius Tarquinius? Wer einen Edelhirsch erbeuten will, der muss sich die Mühe der Jagd nicht verdrießen lassen. Und hier steht Größeres auf dem Spiel, hier handelt es sich um eine Königskrone. Auf, ermanne dich und erobere dir dein Erbteil, das ein anderer dir so lange vorenthalten hat!"
Durch solche Worte unablässig angestachelt, ging Lucius in Rom umher, schmeichelte den Vätern und suchte die Herzen des Volkes durch Geschenke und Versprechungen für sich zu gewinnen. Endlich glaubte er mächtig genug zu sein, um seinen verbrecherischen Plan auszuführen. Eines Tages sammelte er seine Getreuen um sich, begab sich mit ihnen auf den Markt, setzte sich dort auf den königlichen Stuhl und sandte seine Herolde aus, die Väter zu sich zu rufen. In Bestürzung und Furcht kamen die Gerufenen, und als sie vor dem Rathaus den Lucius Tarquinius auf dem Richterstuhl des Königs sitzen sahen, glaubten sie, um den guten Servius Tullius sei es schon geschehen, er sei gestorben oder ermordet. Tarquinius wandte sich mit großen Worten an die Väter und das versammelte Volk, sprach von seinem guten Recht auf den Thron und von seiner rechtschaffenen Absicht, das römische Volk glücklich zu machen, setzte den edlen König Servius Tullius mit schmähenden Worten herab und fragte die Quiriten, ob sie es noch länger dulden wollten, von dem Sohn einer Sklavin beherrscht zu werden?
Während er noch sprach, erschien der so heftig geschmähte König auf dem Markt. "Lucius Tarquinius", rief er empört, "was soll dies Spiel bedeuten? Wie darfst du dich erdreisten, schon bei meinen Lebzeiten die Väter zu berufen und dich auf meinen Stuhl zu setzen?"
Trotzig erwiderte der Empörer: "Ich habe mir nur mein Recht genommen, das du mir entrissen hattest! Dieser Stuhl ist mein ererbter Sitz; dem Königssohn, gebührt die Herrschaft in Rom, nicht aber dir, dem Sohn einer Sklavin!"

Nach diesen Worten stand er auf und schritt, begleitet von seinen zahlreichen Anhängern, unter dem Geschrei des Volkes die Stufen zum Rathaus empor.
Servius Tullius folgte ihm; denn jetzt galt es einen Kampf um das höchste Kleinod: die Krone Roms.
Als Tarquinius seinen Schwiegervater dicht hinter sich auf der Treppe erblickte, wandte er sich blitzschnell um, umfasste den älteren und schwächeren Mann und warf ihn mit großer Kraft die Stufen hinab.
Tausendstimmiger Schreckensschrei erscholl, der grausame Übeltäter aber schüttelte nur drohend die Faust gegen sein Opfer und schritt alsdann mit seinen Getreuen in das Rathaus.

König Servius Tullius war durch den jähen Fall schwer verletzt; mit Mühe erhob er sich und wollte sich nach seinem Haus begeben; als er aber an das Ende der Cyprischen Gasse gekommen war, überfielen ihn bewaffnete Schergen des Empörers, schlugen ihn nieder und ließen den Entseelten in seinem Blut liegen.
Kaum war das Entsetzliche geschehen, da kam die böse Tullia, die Haupturheberin der Empörung, in ihrem Prachtwagen auf den Markt gefahren, ließ ihren Mann aus dem Rathaus rufen und begrüßte ihn mit den jauchzenden Worten: "Heil dem König Lucius Tarquinius!"
Der also Gefeierte neigte dankend das Haupt und lächelte geschmeichelt, aber dann befahl er seiner unerschrockenen Frau, sich aus dem Gedränge zu begeben und nach Hause zu fahren.
Tullia gehorchte und fuhr auf demselben Weg zurück, den vor kurzer Zeit ihr verwundeter Vater gegangen war. Am Ende der Cyprischen Gasse, dort, wo es rechter Hand auf die Urbische Höhe hinaufgeht, stutzte plötzlich der Rosselenker, riss die hinstürmenden Pferde zurück und zitterte vor Schrecken und Graus.

"Was hast du?" fragte seine Herrin barsch. "Dort, dort!" stotterte der bebende Mann und deutete mit der Peitsche auf den Leichnam des Königs.
Auch Tullia sah nun ihren Vater in seinem Blut liegen, aber die entartete Frau erbebte nicht vor Jammer und Weh, sie riss dem schreckensbleichen Knecht die Zügel aus den Händen, peitschte die bäumenden Rosse und jagte über den Toten hinweg, dass das königliche Blut, von den Rädern emporgewirbelt, das weiße Gewand der grausigen Römerin bespritzte.
Alle, die dieses sahen und hörten, entsetzten sich, und die Gasse, in der die unerhörte Greueltat geschehen war, hieß fortan die Frevelgasse.

 

 

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Mythen,Volkssagen - Alessandra Mancinelli, 2001-2008
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