Römische Sagen


V. Tullus Hostilius

Zum Nachfolger des edlen Numa wählte das Volk Tullus Hostilius, einen Enkel jenes tapferen Kriegers Hostius Hostilius, der in der Schlacht gegen die Sabiner am Fuß des Kapitols gefallen war.

König Tullus glich seinem Vorgänger ganz und gar nicht; er war kein Friedensfürst wie Numa, sondern ein Krieger wie Romulus, und kaum hatte er den Thron bestiegen, so spähte er auch schon nach einem Feind aus, mit dem er eine Fehde beginnen könne. Denn er meinte, Heldenruhm und der Lorbeerkranz des Siegers seien die höchsten Ehrenzeichen eines Herrschers, und auch dem Volk sei der Krieg, der alle Kräfte anspannt, ersprießlicher und heilsamer als Ruhe und Frieden.

Da kam dem König zu Ohren, dass an der Grenze Albaniens ein Streit zwischen Römern und Albanern ausgebrochen sei: Albanische Landleute hätten auf römischem, römische auf albanischem Gebiet geplündert. Zu Alba regierte damals König Cajus Cluilus. Zu ihm sandte Tullus Gesandte, die Genugtuung für das Vergehen seiner Untertanen forderten. Cajus aber verlangte auch von Rom Genugtuung, und da man sich nicht einigen konnte, rüsteten beide Könige zum Krieg.

Die Albaner fielen zuerst mit einem großen Heer in das römische Gebiet ein, plünderten das Land und schlugen eine Meile vor Rom ein Lager auf, das sie ringsherum durch einen Graben und durch Schanzen befestigten. Als das Werk vollendet war, starb König Cajus Cluilus, und das Heer wählte zu seinem Führer den klugen und tapferen Mettus Fufetius.

Die Römer vernahmen die Kunde von dem Tod des feindlichen Königs, sahen darin die Hand der Götter und glaubten, der Sieg sei ihnen nun sicher. Ohne das feindliche Lager anzugreifen, zog Tullus mit seinem Heer zur albanischen Grenze und fiel in das Land des Feindes ein. Mettus Fufetius folgte ihm, umging das römische Lager und ordnete seine Scharen zum Kampf. Schlachtgerüstet standen die beiden Heere sich gegenüber; ehe es aber zum Angriff kam, erschien ein Gesandter des Mettus bei Tullus Hostilius mit der Botschaft, sein Herr lasse den römischen König um eine Unterredung bitten, er habe ihm etwas zu sagen, das für die Römer ebenso wichtig sei wie für die Albaner.

Tullus war zwar über den Antrag verwundert, doch ging er auf den Vorschlag ein und trat mit einem kleinen Geleit in die Mitte des Raums zwischen den beiden Heeren. Dorthin kam auch der albanische Feldherr, begrüßte in ritterlicher Manier seinen Gegner und sprach zu ihm:

"König Tullus, du weißt, die Ursachen dieses Krieges sind Plünderungen unserer Grenzleute, hüben sowohl wie drüben - sollte sich der Streit denn nicht auf eine weniger blutige Weise entscheiden lassen als durch mörderische Schlachten? Römer und Albaner sind verwandte Völker; von Alba Longa zogen die Söhne des Mars nach dem Tiberstrom, um Rom zu gründen - haben wir das so bald vergessen? Das wäre nicht gut. Tullus, das wäre nicht gut! Denn bedenke doch nur, wie mächtig die grimmigsten Feinde von uns beiden - die Etrusker - sind zu Lande und zu Wasser! Ihnen kannst Du kein willkommeneres Schauspiel bieten, als wenn du jetzt das Zeichen zur Schlacht gibst; sie lauern ja nur darauf, Albaner und Römer geschwächt zu sehen, um dann über uns herzufallen und uns vollends zu vernichten. Spreche ich die Wahrheit oder nicht, Tullus?"
Der König nickte widerwillig und antwortete:"Es ist so, wie du gesagt hast."
"Nun denn", fuhr Mettus mit erhobener Stimme fort,"so lass uns den Familienzwist, wegen dem wir hier kampfgerüstet gegeneinander stehen, ohne großes Blutvergießen austragen. Rom will über Alba herrschen, Alba über Rom - das ist die Streitfrage, über die hier entschieden werden soll: Wohlan ihre Lösung sei an die Schwerter einiger auserlesener Helden aus beiden Heeren geknüpft!"
Nach einigem Zögern antwortete der streitbare Tullus:"Es geschehe nach deinem Vorschlag, Mettus Fufetius: Drei Albaner und drei Römer mögen um die Oberherrschaft ihres Volkes kämpfen."
Nun traf es sich, dass in jedem Heer Drillinge standen, im römischen die Horatier, im albanischen die Curiatier, tapfere Krieger hier wie dort und an Jahren und Stärke einander ziemlich gleich. Auf diese Drillinge fiel die Wahl der Heerführer, und mit Stolz und Freude rüsteten sich die jungen Helden zum entscheidenden Streit. Denn war es nicht eine hohe Auszeichnung, für die Oberherrschaft seines Volkes Kraft und Leben einsetzen zu dürfen? Gewiss, da gab es wohl nicht einen unter den Tausenden, sowohl im römischen wie im albanischen Heer, der nicht die auserwählten jungen Männer um die Ehre, die sie vor all den anderen erhob, beneidete.
Mit vor Freude glänzenden Augen und glühenden Wangen rüsteten sich die jungen Helden hüben wie drüben zum Kampf. Alle Augen waren auf sie gerichtet, auch die der Fürsten und Heerführer, und als sie dann im Glanz ihrer Waffen kühn auf den Kampfplatz schritten, tönten von allen Seiten aufmunternde Zurufe an ihr Ohr, und vom hohen Himmel blickten die großen Götter wohlgefällig auf sie herab.
Ein Trompetenstoß erklang, still wurde es in beiden Heerlagern, die Waffen blitzten im Sonnenlicht, und in brennender Kampfbegier stürmten die jungen Männer gegeneinander vor. Wie Blitze zuckten die Schwerter durch die Luft, trafen klirrend und funkenschlagend auf Stahlhelme und Eisenschilde und hielten Augen und Herzen der Zuschauer wie mit Zaubergewalt in ihren Bann. Der Kampf wurde heftig und heftiger; immer schneller und wuchtiger klirrten die Schwerter gegeneinander; keiner der Tapferen wankte, keiner wich; schon färbte rotes Blut Hände und Wangen, nur einer, ein Römer, schien unverwundbar; desto schlimmer aber waren seine Brüder zugerichtet, zerborsten waren ihre Schilde, die Stahlhelme zerklafft, aus ihren Stirnen strömte das Blut und floss über ihre Augen; sie taumelten wie Betrunkene, stürzten und hauchten unter dem tausendstimmigen Schreckensschrei der römischen Legionen ihre jungen Heldenseelen aus.
Aus dem albanischen Heer erscholl donnerndes Triumphgeschrei, und tausend Arme streckten sich jauchzend zum Himmel. Drei standen jetzt wider einen - wie konnte der Sieg da noch zweifelhaft sein! Wohl schienen alle drei Curatier verwundet und geschwächt von dem heißen Kampf, wohingegen der eine noch lebende Römer völlig unversehrt war; allein was vermochte der eine gegen drei auszurichten? Sein Schicksal schien besiegelt, denn siehe, drei Schwerter wurden drohend gegen ihn gezückt - wie wollte er sich des Angriffs erwehren?

Horatius selbst fühlte wohl seine Ohnmacht, denn er wandte sich um und ergriff die Flucht. Hinter ihm her stürmten seine Feinde, doch nicht zuhauf, sondern einer nach dem anderen in weiten Zwischenräumen, je nachdem ein jeder die Kraft zum Laufen noch besaß. So hatte der schlaue Römer es gewünscht! Um die drei zu trennen, hatte er die Flucht ergriffen, und in ihrem blinden Eifer rannten sie ihm blindlings in die Falle. Er warf einen Blick zurück und maß blitzschnell die Abstände zwischen seinen Verfolgern. Plötzlich machte er kehrt, streckte die Schwerthand empor und stürzte sich mit so wuchtigen Hieben auf den ersten Feind, dass der überraschte Albaner, ehe er nur einen einzigen Schlag führen konnte, tödlich getroffen zu Boden sank.
Lautes Aufjauchzen hier, klagendes Wehgeschrei dort. Horatius aber säumte nicht, er sprang seinen zweiten Verfolger entgegen und streckte auch diesen nach kurzem Kampf zu Boden.
Jetzt war nur noch ein Gegner auf dem Plan, der letzte Curatier; Mann stand gegen Mann, aber Mut und Kraft waren gar zu ungleich: Dem Albaner hatte der Blutverlust aus seinen Wunden geschwächt, er hatte seine Brüder niedersinken sehen, nur einzig der Gedanke an sein Vaterland hielt ihn noch aufrecht - wie ganz anders der römische junge Mann! Er war noch unverletzt, spielend hatte er zwei seiner Feinde zu Boden gestreckt, die jauchzenden Zurufe seiner Landsleute schwellten sein Herz, siegesmutig sprang er an seinen Gegner heran und rief:"Zwei Söhne deiner Mutter habe ich den Geistern meiner gefallenen Brüder geopfert, dein Tod soll diesen Krieg entscheiden und Rom zur Herrscherin über Alba machen, so stirb denn, Curatier, wie deine Brüder von meiner Hand gestorben sind!"
Sprach's und stieß dem Unglücklichen das Schwert in die Kehle, so dass er ohne Gegenwehr lautlos zu Boden stürzte.

Donnerndes Siegesgeschrei stieg aus dem Heer der Römer zum Himmel auf, sprachlos standen die Albaner, ihr Schicksal war nun entschieden, sie waren fortan Knechte der Römer. Der Sieger Horatius zog den erschlagenen Feinden die Rüstungen aus und schritt mit der Beute seinen ihm zujubelnden Freunden entgegen. König Tullus selbst begrüßte als erster den glückstrahlenden jungen Helden und nannte ihn Roms Ehre und Freude, desgleichen taten die Hauptleute und Krieger, Horatius aber ging durch die jauchzenden Reihen wie ein Trunkener. Auf Befehl des Königs wurden die erschlagenen jungen Männer sogleich begraben, jeder an dem Ort, an dem er gefallen war; darauf zogen beide Heere von dannen, das eine triumphierend gen Norden, das andere kleinlaut und traurig gen Süden.
An der Spitze der römischen Legionen schritt Horatius, prunkend mit der dreifachen Siegesbeute. Viel Volks begrüßte den jungen Helden vor dem Tor der Stadt, darunter auch seine Schwester, die mit einem der erschlagenen Curatier verlobt gewesen war. Als nun das Mädchen den prächtigen Waffenrock ihres Bräutigams, den sie selbst angefertigt hatte, auf ihres Bruders Achsel erblickte, schrie sie laut auf, zerraufte sich das Haar und rief wehklagend den Namen ihres toten Geliebten. Bei dem Jammergeschrei des Mädchens verstummte das Jauchzen der Freude. Horatius aber, vom Glück berauscht, ergrimmte über das Wehklagen seiner Schwester, zog sein Schwert und stieß es der Unglücklichen mit den Worten ins Herz:"Fahre hin zu deinem Geliebten, der dir mehr gilt als Bruder und Vaterland! Und so möge fortan jede Römerin dahin sinken, die um einen erschlagenen Feind ihres Volkes trauert!"

Die schreckliche Tat war geschehen, in ihrem Blute lag die schöne junge Römerin, auf deren Antlitz der Tod sein starres Siegel drückte. Alles Volk und selbst die rauesten Krieger blickten mit Entsetzen auf das bleiche Mädchen und auf ihren Mörder. Die Frauen rangen die Hände und schrien laut, die Männer aber ballten die Fäuste und stießen wilde Drohungen aus.
Sprachlos und starr stand Horatius da. Man schleppte ihn vor das Angesicht des Königs, und Tullus, der den unglückseligen jungen Mann, der seinem Vaterlande so viel erkämpft hatte, nicht gern selbst verurteilen wollte, ernannte Duumvirn (Zweimänner), die über den Missetäter nach dem Gesetz über öffentlichen Mord richten sollten.
Der Richterspruch verurteilte den Jüngling zum Tode, und einer der Duumvirn sprach:
"Publius Horatius, du bist des öffentlichen Mordes schuldig befunden worden, Beilträger, gehe hin und binde dem Verurteilten die Hände!"
Der Beilträger trat zu dem Verdammten und warf ihm den Strick um. Da hob Horatius das bleiche Haupt empor und rief: "Ich tue Ansprache an das Volk!"
Es wurde totenstill; jedermann fühlte Mitleid mit dem jungen Mann, der um sein Leben bat. Da drängte sich sein Vater Publius Horatius hervor, hob flehend seine Hände und bat, das Volk möge doch ihm, der nun schon zwei Söhne und eine Tochter verloren habe, nicht auch noch den letzten Sohn entreißen.
Schmerzerschüttert umarmte der Greis den jungen Mann, wies auf die erbeuteten Waffen hin und rief dem Volk zu: "Wie, ihr Quiriten, diesen jungen Helden, dem soeben erst euer Jubel gegolten hat, den wollt ihr nun, unter dem Galgen gebunden, Schläge und Marter leiden sehen? Wahrlich, ich sage euch, vor solch einem empörenden Schauspiel würden selbst die Albaner errötend die Augen abwenden. Was zauderst Du, Beilträger, greif doch zu und binde die Hände, die dem römischen Volk die Oberherrschaft erkämpft haben. Auf, verhülle das Haupt dem Befreier dieser Stadt! Binde ihn an den Unglückspfahl! Peitsche ihn! Aber ich rate, nur unter den Waffen und Rüstungen, die er den erschlagenen Feinden entrissen hat. Oder willst du ihn außerhalb der Ringmauer martern? Geh nur hin und erschrecke, denn die Gräber der Curatier blicken auf dein schändliches Tun! Seht! So könnt ihr den jungen Mann nirgends hinführen, wo nicht Denkmale seiner Ehre und seines Ruhmes euch warnend zuriefen: ´Vergreift euch nicht an dem Helden, der sein Vaterland mit Ehre und Ruhm gekrönt!´ Sage ich nicht die Wahrheit, ihr Bürger Roms? Nun denn, so gebt meinem Sohn Leben, Freiheit und Ehre wieder!"
Den Worten und Tränen des Greises konnte das Volk nicht widerstehen, es sprach den jungen Mann frei, doch sollte der Vater die Sühne für die Schreckenstat seines Sohnes auf öffentliche Kosten ausrichten.
Der dankbare Greis brachte Reinigungsopfer dar, ließ quer über die Strasse, wo der Mord geschehen war, einen Balken ziehen und seinen Sohn mit verhülltem Haupt unter demselben, wie unter einem Galgen, hindurchgehen. Der Galgen blieb fortan an dieser Stelle und wurde Schwesterbalken genannt. Dem ermordeten Mädchen aber wurde an dem Ort, an dem sie erstochen worden war, ein Grabmahl von Quadern errichtet.

In der Folgezeit zeigte sich Mettus Fufetius, der albanische Feldherr, treulos gegen Rom. Da ließ ihn König Tullus mit dem Tod bestrafen, das ganze albanische Volk aber ließ er nach Rom überführen und die Stadt Alba niederreißen, nur die Tempel der Götter blieben verschont. So endete Alba, das vierhundert Jahre bestanden hatte, Rom aber wuchs durch die Zuwanderung der Albaner fast um die Hälfte und besiegte all seine Feinde. Der tapfere König Tullus Hostilius regierte mit großem Kriegsruhm zweiunddreißig Jahre, dann soll er, von einem Blitz aus Jupiters Hand getroffen, in seinem Haus verbrannt sein.

 

 

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Mythen,Volkssagen - Alessandra Mancinelli, 2001-2008
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