Römische Sagen


IV. Der Raub der Sabinerinnen

Bald hatte der römische Staat eine solche Stärke erreicht, dass er jedem seiner Nachbarn im Krieg gewachsen war; aber es mangelte ihm an Frauen, die den wackeren Bürgern das Leben in den Häusern behaglich und freundlich gestaltet hätten. Da schickte Romulus auf den Rat der Väter Gesandte in die benachbarten Städte und ließ dort um Bundesgenossenschaft und Wechselheirat ersuchen. Aber wie wurden die Boten des römischen Königs bei den Nachbarn aufgenommen?

Überall sahen sie unfreundliche, feindselige Gesichter und fanden nirgends günstiges Gehör. Ja, an manchem Ort wurden sie sogar verhöhnt und verspottet und ohne gastfreundliche Bewirtung rasch wieder zum Tor hinausgeleitet. Grollend kehrten sie nach Rom zurück und verkündigten ihrem König, wie seine Nachbarn gegen ihn und sein Volk gesonnen seien. Da ballte Romulus im Zorn seine rechte Hand, schüttelte sie drohend gegen die Grenzen und rief: "Den Übermut sollt ihr mir bitter büßen! Rom lässt sich von keinem ungestraft kränken!"

An einen Krieg aber dachte er zunächst noch nicht, er wollte es vielmehr erst mit einer List versuchen. Es kam darauf an, die Nachbarn mit ihren Frauen und Töchtern in die Stadt Rom hineinzulocken. Zu diesem Zweck ließ der König große Vorbereitungen zu einem Ritterspiel treffen, das dem Meeresgott Neptun zu Ehren abgehalten werden sollte. Allen benachbarten Städten wurde das Schauspiel angekündigt, und die Bürger derselben wurden eingeladen, mit ihren Frauen und Kindern nach Rom zu kommen. Durch die feierlichen und großen Zurüstungen zu dem Fest wurden Aufsehen und Erwartung aufs höchste gesteigert, und als der Tag gekommen war, zog von allen Seiten eine gewaltige Menge Menschen nach Rom; viele trieb auch die Neugier, die junge Stadt zu sehen. Am zahlreichsten kamen sie aus den Nachbarstädten Caenina, Crustumeria und Antemnae, dazu scharenweise die Sabiner mit Frau und Kind.

Romulus und seine Mannen frohlockten im Stillen und nahmen ihre Gäste überaus freundlich auf. Diese sahen mit Staunen die Größe Roms und konnten sich nicht genug wundern über das schnelle Wachstum der jungen Stadt. Bald aber kündigten Trompetenstöße den Beginn der Kampfspiele an, und alle eilten auf den Markt, um zu sehen, was die Römer in den ritterlichen Übungen zu leisten vermochten. Kopf an Kopf gedrängt stand die Menge; die schmucken römischen Krieger erschienen; aber nicht zu den erwarteten Kampfspielen traten sie auf den Plan, sondern auf ein gegebenes Zeichen stürmten sie in die Menge hinein, ergriffen die Mädchen und schleppten die schreienden mit Gewalt von dannen. Glücklich, wer ein besonders schönes Mädchen erbeutet hatte! Die schönste hatte ein gewisser Talassius erobert, ein Glück, das seinen Namen unsterblich gemacht hat.

Und was taten die Eltern und Brüder der geraubten Mädchen? Sie waren so überrascht und bestürzt, dass sie sprachlos ihre Kinder fortschleppen ließen, dann aber, von jähem Schrecken befallen, die Flucht ergriffen. Erst als sie die Mauern Roms weit hinter sich hatten, wagten sie aufzuatmen, und sie klagten laut über die Verletzung der Gastfreundschaft, riefen den mächtigen Gott Neptun um Rache an und kehrten grollend und jammernd in ihre Heimat zurück.

Dort angekommen, legten sie Trauerkleider an, durchzogen die Stadt und das Land und klagten laut über die Gewalttat der römischen Räuber. So reizten sie allerorten die Menge auf und brachten endlich ihre Klage auch vor den tapfern Sabinerkönig Titus Tatius, dessen Name in der ganzen Gegend in hoher Achtung stand. Der König lächelte wohl im geheimen über den Meisterstreich der Römer, aber musste er seinen beraubten Untertanen nicht Genugtuung verschafften?

 

 

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Mythen,Volkssagen - Alessandra Mancinelli, 2001-2008
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