Römische Sagen


III. Die Gründung Roms

Aus Dankbarkeit übergab König Numitor seinen Enkeln das Land am unteren Tiber, wo sie als hilflose Säuglinge ausgesetzt worden waren. Die Brüder sammelten eine Schar getreuer Männer um sich, zogen mit ihnen zu der Stelle ihres Besitzes, wo am Fluss die sieben Hügel sich erhoben, und beschlossen, dort eine Stadt zu bauen, die an Grösse und Macht alle anderen Städte in Italien übertreffen sollte.

Beide Brüder aber waren herrschsüchtig, und jeder hegte in seinem Herzen den Wunsch, der künftigen Stadt seinen Namen zu geben und sie zu beherrschen. Darüber entstand ein heftiger Streit, keiner wollte nachgeben, jeder der Oberste sein. Endlich einigten sie sich dahin, dass die Götter selbst durch den Vogelflug die Streitfrage entscheiden sollten. Zu diesem Zweck begab sich jeder auf eine Schauhöhe:
Romulus auf den Palatin, Remus auf den Aventinus. Auf den Gipfeln der Hügel liessen sie sich nieder, und jeder beschrieb nach der Art der Vogelflugdeuter mit einem Krummstab die Linien von Ost nach West und von Nord nach Süd. Gespannt spähten sie mit ihren Getreuen gen Himmel - wem werden die Götter die glückbringenden Vögel zuerst senden?
Da plötzlich erscholl ein Jauchzen auf dem Gipfel des Aventin: Remus hatte gesiegt, sechs Geier kamen von Osten herangeflogen. In demselben Moment aber erblickte Romulus zwölf Geier über seinem Haupt, und er und seine Getreuen erhoben ebenfalls lautes Siegesgeschrei.
Wer von beiden war nun der Auserwählte der Götter? Über diese Frage entbrannte ein heisser Streit, zuerst in Worten, bald aber mit Fäusten und Waffen, und Remus wurde im Kampf erschlagen.
Jetzt war Romulus Alleinherrscher, und bald fing er an, auf dem palatinischen Hügel die Stadt zu bauen. Um Ansiedler heranzulocken, schuf Romulus in der Ebene nach dem kapitolinischen Berg eine grosse Freistätte für alle, die keine Heimat hatten und in der neuen Stadt Landbesitz und Bürgerrecht erwerben wollten.
Da strömten viele Männer aus Latium und den benachbarten Königreichen herzu und siedelten sich in Rom an. So wuchs die Stadt rasch empor, und schon bei der ersten Musterung des Heerbannes zählte Romulus 3300 streitbare, freie Bürger. Hundert von ihnen, die würdigsten und klügsten, erwählte er zu Ratsherren, die man auch Väter nannte; ihre Nachkommen waren die Patrizier, Roms Adel.
Numitor, sein Grossvater, hatte Romulus folgende Kunde übermittelt: Seinem Urahn Äneas von Troja sei verheissen worden, einer aus seinem Stamm werde in Latium eine Stadt erbauen, die die Völker des Erdkreises beherrschen sollte - keine andere
als sein junges Rom sollte diese auserwählte Stadt sein!

 

 

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Mythen,Volkssagen - Alessandra Mancinelli, 2001-2008
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