Römische Sagen


II. Die Zwillinge Romulus und Remus

Ein Nachfolger des Askanius auf dem Thron hieß Proca. Er hatte zwei Söhne: Numitor und Amulius. - Nach dem Tode seines Vaters wurde Numitor König, seinem Bruder aber fielen reiche Güter und Schätze zu. Amulius aber war mit seinem Erbteil nicht zufrieden; obwohl er der jüngere war, verlangte er den obersten Platz im Lande: den Königsthron. Mit seinem Gold gewann er sich die Herzen vieler tapferer Männer, überwand mit deren Hilfe seinen Bruder und raubte ihm die Herrschergewalt, schonte jedoch sein Leben und überließ ihm eine kleines Landgebiet, wo er mit seinen Hirten und Herden schalten und walten konnte, wie es ihm gefiel.

Nun war Amulius zwar König und hielt die höchste Macht in seinen Händen, aber der Bösewicht fürchtete die Rache von Numitors Kindern. Deshalb ließ er den unschuldigen Sohn seines Bruders auf der Jagd töten, die Tochter Rhea Silvia aber machte er zur Priesterin der Vesta, damit sie niemals einen Mann heiraten könnte.
Jetzt erst fühlte sich der Tyrann sicher auf seinem Thron, denn nun stand sein Bruder Numitor einsam und verlassen da, wie ein Baum im Wüstensand, dem ein Sturmwind Äste und Zweige abgebrochen hat. Doch die hohen Götter schlafen nicht; vor ihren Augen blieben auch die Missetaten des Amulius nicht verborgen, und die Schuld sollte eines Tages gerächt werden. Zu Rhea Silvia, der priesterlichen Tochter Numitors, gesellte sich der Kriegsgott Mars; sie wurde seine Frau und die Götter schenkten ihr zwei Söhne:
Romulus und Remus.
Mit Zorn und Schrecken vernahm König Amulius die Nachricht, und er gab sogleich den Befehl, die junge Mutter in Ketten zu legen, ihre Kinder aber in den Fluten des Tiber zu ertränken.

Als die königlichen Diener mit den Zwillingen, die sie in einer Wiege trugen, zur Stadt hinaus kamen, mussten sie feststellen, dass der Strom das Land weit überschwemmt hatte, und sie konnten nicht an das Flussbett herankommen. In dem Glauben, die Kinder würden in der Wildnis gewiss umkommen, auch wenn sie nicht in den Strom geworfen würden, setzten die Knechte das schlafende Brüderpaar in der plumpen Holzwiege im seichten Wasser aus und gingen von dannen.

Durch göttliche Fügung aber verlief sich die Flut schnell, und die Wiege stand auf dem Trockenen. Da lagen nun die Königskinder, von allen Menschen verlassen, in der Wildnis, und als sie aus ihrem Schlummer erwachten, trieb der Hunger sie an, kläglich zu wimmern und zu schreien. Das hörte eine Wölfin, die in der öden Gegend umherstrich; das Raubtier trottete herzu, sah die hilflosen Kleinen und - verschlang sie nicht, sondern erbarmte sich ihrer Not und bot ihnen kräftige Wolfsmilch zur Nahrung. Den hungrigen Kindern schmeckte das Getränk wie Nektar und Ambrosia; sie tranken sich satt, schliefen eine Weile und riefen dann wieder durch klägliches Geschrei ihre raue Amme aus dem nahen Wald herbei.

Nun geschah es, dass Faustulus, einer der Hirten Numitors, zufällig in die Gegend kam und das Treiben der Wölfin beobachtete. Als das Tier wieder in den Wald zurückgekehrt war, eilte er herbei, sah die Kinder in der Wiege und staunte nicht wenig über das Wunder, das hier geschehen. Ihm war vor wenigen Tagen sein einziges Söhnlein gestorben, hier aber lagen vor ihm zwei hilflose Jungen - sollte er das nicht als Wink vom Himmel ansehen, diese Kinder zu sich zu nehmen?

Der wackere Mann besann sich nicht lange; er hob die hölzerne Wiege auf, hüllte sie mit seinem Mantel ein und eilte mit seinem Fund nach Hause, um den Schatz seiner Frau Acca Larentia zu übergeben. Mit Freuden nahm die ihres Kindes beraubte Mutter die Zwillinge in Empfang und pflegte sie in Liebe und Treue.

So wuchsen die Königskinder in der Strohhütte des Hirten zu schönen, kräftigen Jungen heran, und jedermann hielt sie für die Kinder des Faustulus, denn dieser hatte sein Geheimnis wohl bewahrt. Seine Frau und er blickten mit Stolz und Freude auf die Zwillinge, die nicht gewöhnlichen Wesens und Ansehens waren und in den Spielen mit ihren Altersgenossen alle anderen besiegten. Größer geworden, streiften sie mit Wurfspieß, Bogen und Pfeile, durch die Wälder und brachten, ihrer Mutter zur Freude, manche leckere Beute nach Hause. Doch sie bekämpften nicht bloß die wilden Tiere, sondern sie fielen auch über die Straßenräuber her, jagten ihnen ihre Beute ab und verteilten sie unter die Hirten. Dadurch aber zogen die tapferen Brüder sich die Feindschaft aller Wegelagerer zu, und die finsteren Gesellen sannen auf Rache.

Als einmal das junge Hirtenvolk dem Gott der Fluren, Pan, zu Ehren auf dem grünen Anger festliche Spiele beging, wurde es von jener Räuberbande, die sich in einem Hinterhalt auf die Lauer gelegt hatte, überfallen und es entspann sich ein heftiger Kampf. Remus wurde gefangen genommen, vor den König Amulius geschleppt und angeklagt, dass er unschuldige Wanderer überfalle und beraube. Als sich im Verhör aber herausstellte, dass der Gefangene zu Numitors Hirten gehöre, sandte ihn der König zur Bestrafung an seinen Bruder.

Bis dahin hatte Faustulus sein Geheimnis treu behütet, jetzt aber trieb ihn die Angst um Remus dazu, es zu verraten. Er begab sich zu Numitor, seinem Herrn, teilte ihm die Herkunft der Zwillinge mit und sprach auch die Vermutung aus, seine Pflegesöhne könnten königlichen Stammes sein, da sie gleichen Alters mit den Kindern der Vestalin Rhea Silvia seien, die der grausame Amulius hatte aussetzen lassen. Mit Verwunderung vernahm Numitor die Kunde, musterte mit scharfen Blicken die jungen Männer, fand sie schöner, stolzer und edler als die Söhne der Hirten und konnte nicht zweifeln, dass Romulus und Remus seine Enkel seien. Hier war ein Wunder geschehen: Die Götter hatten die unschuldigen Kinder vor dem Untergang behütet und mochten die stolzen jungen Männer wohl zu großen Geschicken auserkoren haben.

Die Zwillinge entwickelten einen unerbittlichen Hass auf den Mann, der ihre Mutter in Ketten gelegt und sie hatte umbringen lassen wollen; sie beschlossen, den grausamen Tyrannen vom Thron zu stürzen und ihren Großvater wieder in seine Rechte einzusetzen. In der Stille sammelten sie eine Schar tapferer Hirten um sich, drangen mit ihren Getreuen in den Königspalast ein, überwältigten die Diener und erschlugen im Kampf auch den Tyrannen Amulius. Als das geschehen war, riefen sie Numitor zum König aus, und das ganze Volk Latiums begrüßte seinen rechtmäßigen Herrn mit jubelnder Freude.

 

 

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Mythen,Volkssagen - Alessandra Mancinelli, 2001-2008
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