Römische Sagen


I. Lavinium und Alba Longa

Mit dem Tod des tapferen Turnus fand der Krieg ein Ende. Die Rutuler zogen von dannen, König Latinius aber reichte dem Sieger die Hand zur Versöhnung, geleitete ihn in seine Burg, gab ihm seine Tochter Lavinia zur Frau und setzte ihn zum Erben seines Reiches ein.

Äneas erbaute danach auf seinem Hügel nahe am Meer eine neue Stadt, die er seiner schönen Gemahlin zu Ehren Lavinium nannte. Auf dem Gipfel des Hügels wuchs die Burg mit ihren Mauern, Türmen und Zinnen empor, und als der Bau vollendet war, nahm das Königspaar darin seinen Sitz; der greise Latinus aber blieb in seiner alten Hauptstadt und wohnte bis zu seinem Tod im Haus seiner Väter.

So hatten nun Trojas irrende Kinder eine neue Heimat gefunden, und sie waren ihres Glückes froh, errichteten den hohen Göttern schöne Tempel und brachten ihnen reichliche Dankopfer dar.

Doch die Tage der Freude und des Friedens sollten bald ein Ende finden. Die Rutuler konnten die Schmach ihrer Niederlage nicht vergessen, zürnten auch dem König Latinus, dass der den Bund mit ihnen gebrochen, seine Tochter dem Besieger des Turnus gegeben und dem verhassten Trojanervolk erlaubt hatte, in seinem Lande zu siedeln, sie rüsteten ein mächtiges Kriegsheer und sandten es gegen die neue Stadt Lavinium, um diese zu zerstören und König Äneas und sein Volk aus dem Land zu vertreiben.

Am Fluss Numicus kam es zur Schlacht. Mit größter Erbitterung wurde auf beiden Seiten gestritten; Jupiter selbst nahm an dem Kampf teil, indem er seine Donner rollen ließ und mit grellen Blitzen und ungeheuren Regengüssen die Feinde Latiums schreckte. Mit Entsetzen ergriffen endlich die Rutuler die Flucht, aber auch die Sieger erlitten einen unersetzlichen Verlust:
Durch den großen Regen war der Fluss Numicus zu einem reißenden Strom angeschwollen, er brach mit Brausen und Tosen über seine Ufer und riss viele der Kämpfenden in seine wirbelnden Fluten hinein. Auch Äneas wurde von dem Strudel erfasst, geriet in das tiefe Strombett und fand in den schäumenden Wogen den Tod. Kein Auge hat den Helden je wieder gesehen. Um ihn trauerten und klagten seine Trojaner, und auch die Latiner beweinten seinen Tod; denn Äneas war nicht nur ein starker Fürst gewesen, sondern auch ein fürsorgender und liebreicher Vater seines Volkes.

Jetzt wurde sein Sohn Julus (Askanius) König von Latium. Er war noch jung, wusste aber mit tapferer Hand das Schwert zu führen, besiegte Rutuler und Etrusker und dehnte die Grenzen seines Reiches weiter aus. Bald wurde ihm die Stadt Lavinium zu eng, er zog nach Osten und erbaute am Hang des Berges Albanus, über dem schönen blauen Albanersee, eine neue Hauptstadt, die er nach ihrer langgestreckten Lage und dem Kraterrand Alba Longa, d.h. das lange Alba, nannte. Diese junge Berg - und Burgstadt blühte mächtig auf und entwickelte sich zum starken Oberhaupt von dreißig mit ihr verbündeten Städten des umliegenden Landes.

Die Stiefmutter des jungen Königs, Lavinia, war in ihrer Stadt Lavinium geblieben, und auch die trojanischen Schutzgottheiten wollten die geliebte Stadt am Meer nicht verlassen. Was tat da Julus, um sich die Huld der himmlischen Mächte, die über seinem Haus und Volk walteten, zu erhalten? An der Spitze eines prächtigen Festzuges zog der junge König alljährlich einmal nach Lavinium, bekränzte die Altäre, brachte reichliche Opfer dar und ehrte die Götter durch vielerlei Festspiele, an denen das ganze Volk teilnahm.

Des frommen Äneas Segen schien auf Latium zu ruhen; Latiner und Trojaner verwuchsen zu seinem starken, mächtigen Volk, über das die Nachkommen des Julus, der Alba Longa gebaut hatte, drei Jahrhunderte herrschten.

 

 

» weiter zu II. Die Zwillinge Romulus und Remus


Mythen,Volkssagen - Alessandra Mancinelli, 2001-2008
[Lavinium, König, Äneas, Stadt, Volk, Rutuler, Tod, Alba, Longa, Julus, Latium, Lavinia, Latinus, Turnus, Mythen, Volkssagen, römische Sagen]