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Die Steinfrau
Am ersten Tag war es der Mantel.
Heute warf sie ihre Schuhe weit von sich.
Sie sitzt auf dem kalten Boden, Rücken an der Wand.
Ihre Haut schimmert im Dämmerlicht. Ihre Hände gleiten über die Knie, wischen imaginäre Nässe hinunter zu den
Socken, die sie abstreifen will, was nicht nötig ist, weil sie wie von selbst von ihren Füßen rutschen.
Es wird dunkel, bemerkt die Frau und stiert weiter auf die gegenüberliegende Wand. Ihr Blick öffnet einen
Tunnel. Sehfelder weiten ihn, auf denen sich Menschen wie Ameisen bewegen. Sie kann zwischen ihnen hin und
her springen. Ein Pupillentanz der nach jeder Drehung einen leuchtenden Punktepfad hinterlässt. Wenn es
zuviele werden, schmerzt es ein wenig. Sie schließt die Augen um besser sehen zu können. Ihre Gedanken
klettern über eine graue Schlierenwand. Dahinter mattes Grau neben Dunkelweiß, dazwischen blassrosa Streifen,
biegsam wie Knetmasse. Blassrosa teilt sie in halbmondförmige Stufen, setzt sich darauf und gleitet in einen
angenehmen Fall.
Sie treibt in zähflüssiger Dunkelwärme, umspült von roten Partikeln. Aus allen Richtungen ziehen die kleinen
Lebenssonnen durch einen spiralen Sog, gleiten aus seinem Ende heraus und mischen sich erneut in die Richtungen
aus der sie kamen.
Ihre Mädchenbeine baumeln in Freiheit, hellblaue Wolken in ihren Augen.
Gedanken klopfen zaghaft an, machen sich selbstständig, zupfen entzwei, ziehen Spalten auf und zerren die
Sehnsucht in den Himmel und ihren Körper nach unten. Aber sie will nicht fallen, sie will fliegen. Sie lässt
ihre Gedanken frei, die auf ihre Knie tröpfeln.
Sie denkt an die Schattenebene unter ihrem Kinderbett. Ein gutes Versteck, ein zweites Leben, in dem sie
flacher atmen kann. Sie schrumpft dort zu einem Punkt den niemand finden kann. Manchmal ist es anders, dann
schwillt der Punkt an und wird zu einem Riesen der die Schatten sprengt, sich zu einem Horizont ausdehnt
der alles unter sich bedeckt um gedankenlos zu sein.
Küss mich, schreit ihr Frauenblick immerfort in eine überfüllte Leere. Sie drängt und schubst weg. Ihr Körper
scheint dekorativ, doch sie liegt im Schatten und wartet auf den Schmerz. Und jemand leckt den Staub von ihrem
Körper und küsst ihn wieder in ihn hinein.
In ihrem Mund bauen Zungen eine Brücke für die graunassen Partikel, die unfreiwillig ihren Dienst aufnehmen und
mit dem Speichel durch ihre trockene Kehle rutschen, um sich von dort aus in geheimste Zellen zu nisten, die
bei ihrem Zerfall wieder als Grau aus ihr herausgespült werden, dabei ihre Gedanken mitreißen, wo sie im Nass
ertrinken, in dem sie als Venus badet.
In Grauzonen.
Frau mit Mädchenblick baut Säulen aus buntem Schlamm, die sie immer wieder vorsichtig umarmt. Die Restmasse
schmiert sie sich auf ihre Lippen und sieht in einem Spiegel die bunte Welt, die ihr sagt, dass ihre Lippen
grau sind. Deshalb weint sie Staub und haucht ihn in die Einweg-Labyrinthe.
Tu mir nicht weh ruft sie in die Gänge. Der Ruf endet als Echo an einer Mauer und prallt klopfend zurück an
die Eingangstür, die sie mit blassrosa Lippen öffnet. Wütend darüber, dass die Welt sie täuschte, wird sie zu
Stein und fliegt in den Spiegel.
Zurück bleibt eine Scherbe mit eingesperrtem Mädchenblick.
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